Hier berichten wir über unsere Woche mit ihr, über die Treffen, Besuche und Austausche mit Menschen in der DG (Teil 1, Teil 2 & Teil 3).
Der Freitagmorgen ist VoG CAB Integra/Intego-Morgen. Schon im letzten Jahr hatte er Marcia aus Peru empfangen, heute dann Islanda aus Haiti. Erst einmal werden wir in den Ateliers im Katharinenweg von Jean-Luc Schöffers, Markenleiter, empfangen. Er erklärte uns, dass sie eng mit dem Arbeitsamt der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) sowie den öffentlichen Sozialhilfezentren (ÖSHZ) der DG zusammenarbeiten, die ihnen die Teilnehmenden vorschlagen. Die Maßnahmen richten sich an Arbeitssuchende ab 18 Jahren mit multiplen Vermittlungshemmnissen, die einer intensiveren sozialberuflichen Begleitung bedürfen.
In einem ersten Schritt nehmen die Teilnehmenden an der Vorschaltmaßnahme teil, wo sie 28 Stunden pro Woche in verschiedenen Ateliers tätig sein können: im Siebdruckatelier, im Holzatelier, im kreativen Atelier oder im Garten. Die Teilnahme kann bis zu zwölf Monate dauern. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung sozialer Kompetenzen sowie die soziale und administrative Begleitung der Teilnehmenden. Jean-Luc betonte, wie wichtig es ist, dass die Menschen zunächst ihr Leben ordnen, denn erst wenn die Lebensverhältnisse stabil sind, kann man gemeinsam eine berufliche Orientierung ins Auge fassen. Dies erinnert uns an eine Parallele zu Haiti die gestern Thema war: Auch dort muss zuerst die Grundversorgung gesichert sein, damit sich Menschen für ein gemeinsames Engagement in der Gemeinschaft einsetzen können. Wer nicht weiß, ob er am nächsten Tag seine Familie ernähren kann, kann sich nicht für eine aktive Bürgerschaft einsetzen.
In einem zweiten Schritt folgt die Integrationsmaßnahme, bei der die Teilnehmenden 35 Stunden pro Woche in der Schreinerei, der Schlosserei, im Garten, bei polyvalenten Handwerksarbeiten oder in der Sozialwerkstatt arbeiten. Diese Massnahme bereitet Teilnehmende gezielt auf einen möglichen Ausbildungsweg im Sozialbereich vor. In dieser Phase steht die Entwicklung beruflicher Kompetenzen im Vordergrund, mit dem Ziel, die Teilnehmenden schrittweise fit für den Arbeitsmarkt zu machen.
Islanda fragte nach den Ressourcen und Grenzen des Projekts. Jean-Luc erklärte, dass Intego in der Regel über ausreichend qualifiziertes Personal verfügt. Allerdings stößt das Projekt an seine Grenzen, wenn Teilnehmenden mit schwerwiegenden Drogen- oder psychischen Problemen konfrontiert sind. Das Personal ist für solche Situationen weder ausgebildet noch in ausreichender Zahl vorhanden, um diesen Personen die notwendige intensive Betreuung zu bieten – ohne dabei andere Teilnehmenden zu vernachlässigen. In solchen Fällen ist Intego nicht die geeignete Maßnahme.
Islanda bemerkte außerdem, dass die Frage der Kinderbetreuung im Gespräch nicht angesprochen worden war, und hakte nach. Jean-Luc bestätigte, dass dies tatsächlich eine reale Herausforderung darstellt: Alleinerziehende Teilnehmende haben häufig Schwierigkeiten, ihre kleinen Kinder unterzubringen, da sie oft über kein stabiles soziales Netz verfügen. Intego arbeitet zwar nicht direkt mit den Kindern, geht aber gemeinsam mit den Betroffenen aktiv nach Lösungen suchen. Die Teilnehmenden haben die Möglichkeit, alle Probleme offen anzusprechen – die Sozialbegleitung unterstützt sie dann dabei, einen Weg zu finden, auch wenn die Kinder selbst nicht direkt Teil des Projekts sind.
Islanda ist zugegebenermassen erst einmal verwundert als sie die Deko-Sachen sieht – wofür braucht man diese Sachen genau? Ihr Leben dreht sich um die grundlegenden Dinge. Dekoration gibt es so bei ihnen nicht. Aber der Einsatz Menschen in Arbeit zu bringen, niederschwellige Angebote zu machen, so wie es bei ihnen mit den Weiterbildungen funktioniert, die sie mündlich geben für die Menschen, die weder lesen noch schreiben können, beeindruckt sie.
Wie in den anderen Ateliers gibt es im Garten von Intego Menschen, die in die Arbeitswelt integriert werden. Und es gibt hier eine verantwortliche Gärtnerin, Valérie, die Arbeit im Garten und die Abläufe überwacht, und einen Verantwortlichen, Hubert, der sich um die Teilnehmenden kümmert.
Am besten erklärt sich die Arbeit aber natürlich bei einem Rundgang, hier können sie über ihre Praxis austauschen. Momentan werden hier innen die Pflanzen vorgezogen, die dann später ausgepflanzt werden. In Haiti wird sofort in den Boden gesät, zwar geschützt vor der Witterung am Anfang, aber dadurch das Klima gleich bliebt, kann hier das ganze Jahr draußen gepflanzt werden.
Beide stellen das Saatgut selbst her. Valérie hat sogar Sonnenblumen angepflanzt aus dem Saatgut der Pflanzen des letzten Jahres, die kleinen Pflänzchen gedeihen schon. Auch Kompost nutzen beide, und wie in Islandas Organsiation legt man hier Wert auf Bio. Intego ist auch zertifiziert.
Das Problem mit den Schnecken gibt, es, trotz des Regens auch in Islandas Region, nicht. Dafür aber mit anderen Tieren, die auch wie der Anbau etc. gemeinschaftlich bekämpft bzw. eingesammelt werden. Der Klimawandel hat in beiden Ländern Einfluss. Durch wärmere Winter hier, der das Gmeichgewicht verschiebt, können Schneckeneier u.ä. sich weiter verbreiten. In Haiti ändern sich auch die Jahreszeiten. Und beide müssen sich anpassen, um weiter anbauen zu können.
Intego hat ein europäisches Projekt eingereicht zur Nutzung von Regenwasser, auch Islanda nutzt Regenwasser, dort wird es in Tonnen aufgefangen. Oft muss das Wasser jedoch von den Flüssen geholt werden, die nicht immer nah sind. Das Bewässerungssystem mit den Schläuchen findet sie sehr interessant, auch weil es Wasser spart.
Aber auch die allegmeine Situation in Haiti und hier bei uns ist Thema. Haiti ist seit dem Mord am Präsidenten in 2021 ohne gewählte Regierung, sondern wird immer weiter von Übergangsregierungen beherrscht. Und oft mit der Einmischung von außen, damit die Interessen des Auslands auch weiter vertreten werden können. Und so wird auch weiter keine Politik für die familiäre Landwirtschaft gemacht, keine Hilfen, keine Unterstützung aufgebaut. Und das zusätzlich zu den Dingen, die Haiti von außen eh schon auferlegt sind wie das Lösegeld, die Aneignung der Geschichtserzählung, die Befeuerung der Probleme.
Auch heute hier in Belgien merken wir, dass die Sicherheiten, der Schutz, die eigentlich aus dem Solidarischen entstanden sind, in Gefahr sind. Und dass wir verbunden bleiben müssen, da diese Solidarität Gesellschaft zusammenhält.
Und wir hier müssen uns der Realität stellen, dass unser Komfort darauf aufgebaut ist, dass woanders auf der Welt Ausbeutung stattfindet. Der Menschen, des Bodens, der politischen Systeme. Ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit der Vision zu schauen, wie wir anders Gesellschaft gestalten können. Im Gespräch im „Gartenhaus“ fällt auf, dass bei uns der Individualismus sehr stark verbreitet ist. Wir schauen sehr auf uns, im Einzelnen, der Einsatz für die Gemeinschaft ist für viele nicht mehr Alltag. Denn auch früher gab es hier die Gemeinschaft unter Landwirtschaft etc. Das Prinzip war ähnlich dem, das jetzt in Haiti von Tèt Kolé unterstützt und aufgebaut wird.
Nach den leckeren Hot-Dogs, die wir gemeinsam mit den Teilnehmenden und Begleiter*innen Integos vertilgt haben, geht es weiter auf einen Bauernhof.

Genauer gesagt auf das Biogut Rotter 93. Seit 6 Jahren betreiben Anke und Max Küchenberg-Filbrich den Hof in der Eupener Unterstadt. Er ist gepachtet gepachtet, und war früh eine klassische Milchwirtschaft. Für die beiden Quereinsteiger war klar: wir möchten auf Bio umsteigen. Wichtig ist dabei das Tierwohl, dass die Tiere Platz haben. Sie halten Rinder, das Fleisch wird auf dem Hof verkauft – auch weil man mit Fleisch im Vertrieb ca. 500-600 Stück Vieh bräuchte. Sie schlachten 2 Stück pro Monat, lassen sie zerlegen und verkaufen sie dann. So hat sich eine treue Stammkundschaft ergeben.
Der Wolf ist ein Problem, dafür gibt es einen Herdenschutzhund, der sie fern hält, damit die Schafe draußen gehalten werden können, die auch auf dem Hof leben. Sie richten sich an Demeter aus, daher halten sie die Hörner der Tiere, weil so die Tiere Hitze regulieren können und das Tierwohl eingehalten wird. Dadurch kann man natürlich weniger Tiere halten. Pro Jahr kamen ca. 25 neue Tiere von einem befreundeten Biobauer hinzu, die 3 Jahren bleiben bevor sie geschlachtet werden. Aber der Preisanstieg ist enorm, deswegen halten sie jetzt auch Kühe, die sie selbst züchten.
Im Idealfall bleibt das Vieh 8 Monate auf den Weiden, im Winter leben sie in den Ställen, um die Böden zu schützen, die hier sehr nass sind. Sie haben auch Pferde, aber nebenbei, als Liebhaber.
Die Schnittblumen sind ein Nebengeschäft, dass Anke aber gerne betriebt, um auch Blumen ohne Pestizide und saisonal anbieten zu können. Und sie produzieren auch Heu selbst. Es wird die späte Mahd praktiziert, für den Boden und die Biodiversität. Das Vieh wird mit dem eigenen Heu gefüttert, um nicht oder kaum auf gekauftes Futter von außen zurückzugreifen. Es ist selten dass so wie bei ihnen die Rinder geschlachtet und gegessen werden nach erst 3 Jahren, sie werden meistens nach 6 Monaten geschlachtet. Aber hier sollen sie Zeit haben sich zu entwickeln.
Islandas Schwiegervater ist Metzger und verkauft an drei Tagen Fleisch, das Vieh kauft er an. Er hat immer ca. 6 Stück Vieh zuhause um immer etwas zum schlachten zu haben. Es gibt auch Menschen die nur Milch verkaufen. Sie kaufen Vieh auf dem Markt. Dann werden sie auf dem Feld gehalten an einem Seil.
Das Schlachten geschieht mit Erlaubnis der Bürgermeister an einem separaten Ort, dann wird es auf dem Markt verkauft. Um beweisen zu können, dass das Tier dir gehört, gibt es in Haiti Nummern im Ohr. Hier in Belgien ist das viel strenger geregelt, alle müssen Zertifikate haben, bis hin zum Metzger der zerlegt.
Ein richtig guter Teil des Hofes ist das Hühnermobil. Mit weniger Hühnern als üblich, auch hier werden die Eier über den Hof verkauft. Dazu haben sie den Schrank, in dem sie ihre Eier, und Brot, und Blumen, auf Vertrauen verkaufen (das passt meistens gut). Alle 2 Wochen wird das Mobil versetzt für frisches Futter, und damit sich keine Parasiten einnisten. Hühner und Eier gibt es immer weniger in Haiti, weil sie immer günstiger, selbst in Bioqualität, importiert werden. Sie halten sie eher für den familiären Nutzen, um Eier und auch manchmal die Hühner selbst zu verzehren. Die Eier auf dem Biogut sind ca. 20ct teurer als im Laden, aber darin ist auch die Arbeit eingerechnet, es ist eher der „wahre“ Preis eines Eis.
Man muss allein schon zu dritt anderthalb Stunden rechnen, um das Mobil mit den Netzen umzusetzen. Die Netze sind Pflicht, als Schutz vor anderen Tieren, und vor der Vogelgrippe. Ansonsten kann man sie nicht draussen halten, und das möchten Anke und Max auf jeden Fall das ganze Jahr über.
Und auch Bauernhofpädagogik wird auf dem Hof betrieben, ganz frisch auch zertifiziert. So kommt beispielsweise regelmässig das ZFP mit Schüler*innen. Für viele Kinder ist diese Pädagogik ein anderer Zugnag zu ihrern Fähigkeiten, sie können in dieser Umgebung ganz anders aufnehmen und lernen.
In den Ferien soll auch vermehrt etwas angeboten werden, die Nachfrage ist gross. Das haben wir ja auch schon heute morgen bei Intego gehört. In den Schulferien in Haiti achten alle Erwachsenen auf die Kinder, immer ein wenig reihum. Dort ist in den Gemeinschaften die Nähe oft noch grösser.
Ein toller Besuch, den Islanda aufgesogen hat. Und natürlich mussten wir uns dann aufwärmen, das haben wir dann im Weser-Pavillon gemacht. Eine gute Adresse für regionales Bier, dass Islanda gerne probiert;-) Hier haben wir auch von der „Unterstadt -Ein starkes Viertel“ und ähnlichen Initiativen erzählt, nachdem wir Dienstag ja auch in Kettenis zu Besuch waren.




