Hier berichten wir über unsere Woche mit ihr, über die Treffen, Besuche und Austausche mit Menschen in der DG (Teil 1).
Die Mittwochvormittage stehen für Miteinander Teilen im Zeichen der Frauen. Das Frauenerzählcafé im Viertelhaus Cardijn gemeinsam mit dem Viertelhaus, der Lupe und der Frauenliga in Eupen und der Frauentreff im Patchwork gemeinsam mit dem Patchwork und der Frauenliga organsisiert in St. Vith . In diesem Jahr besuchen wir mit unserer Partnerin den Frauentreff in St. Vith.
Islanda erzählt von ihrer Organsation, die sich 1986 gegründet hat aus der Notwendigkeit des Schutzes der kleinen Bäuerinnen und Bauern nach dem Sturz der Diktatur. Klein nicht im negativen Sinne, sondern im Sinne von unabhängig und mit wenig Land, also keine Grossgrundbesitzer. Ein Massaker am 23. Juli 1987, bei dem 139 Menschen der Gemeinschaft umgebracht wurden, hat diesen Aktivismus befeuert. Möglich wurde er mit der Unterstützung von Priestern, die die Befreiung der Bevölkerung aus Diktaturen und Unterdrückung vorantreiben wollten.
Islanda ist in die Bewegung hineingeboren, ihre Mutter war und ist schon engagiert, vor allem im Radio, und dieses Erbe führt sie nun weiter. Dabei ist sie die Vertreterin der haitianischen Bauernbewegungen in der Organisation Via Campesina, die weltweit grösste Bewegung kleiner Landwirtschaften. Allerdings musste sie erst einmal ihren Weg finden. Nach der Schule wollte ihre Mutter, obwohl sie eher begabt in Französisch und Geistewissenschaften war, dass sie Buchführung studiert, um scheller und besser die Familie unterstützen zu können. Nach zwei Jahren durfte sie aber ihren Weg einschlagen mit Sozialwissenschaften und Jura, um sich ganz der Bewegung und dem Aktivismus verschreiben zu können.
In der Organisation geht es darum zu schulen, Wissen zur Verfügung zu stellen, und das direkt, da oft die Menschen nicht lesen und schreiben können. Es wird also von Mensch zu Mensch weitergegeben. Und das nach dem Prinzip, wie auch bei Miteinander Teilen, „Sehen-Urteilen-Handeln“, und das lokal, regional, national und international. Die Jugend der Organisation ist die Zukunft, und sie arbeiten an der Vision der Bewegung. Dabei geht es darum, das Fortbestehen der Bewegung zu garantieren, und immer weiter die Möglichkeiten der Arbeit mit dem Boden zu verbessern, ein grosses Gut für die Menschen. Und gerade die Frauen spielen eine wichtige Rolle. Sie sind sehr involviert in der familiären Landwirtschaft, die einen Grossteil der Wirtschaft ausmachen. Die Agroökologie ist dabei die Basis ihres landwirtschaftlichen Wirkens.
Auch hier erzählte sie von ihren Aktivitäten wie der Produktion der Samen, der gemeinschaftlichen Nutzung der Tiere, die Verteilung von Setzlingen, der Einsatz für den Erhalt des Landes für die familiäre Landwirtschaft, gemeinsame Treffen auf allen Ebenen, usw. Jede Region hat ihre Besonderheit, in der Gemeinschaft von Islanda ist die Yamswurzel vor allem verbreitet.
Die Bäuerinnen und Bauern bezahlen einen Beitrag, der nicht festgelegt ist, sondern den Möglichkeiten der Personen angepasst wird. Dazu sind gemeinsame Kassen aufgebaut, in den lokalen Gemeinschaften, die dann auch in Notfällen einspringen zu können und um alltägliche Probleme lösen zu können.
Die kleinen Kindergärten, die von der Bewegung organisiert werden, um lokale Gelegenheit für Zugang zur Bildung und kleinkindlicher Betreuung zu bieten, halten sich an das Programm der staatlichen Schulen, damit die Kinder später in den staatlichen Schulen folgen können. Die Kinder sind zwischen 2 und 5 Jahren alt, und müssen später dann in die weit entfernten Schulen gehen. Auch hier gibt es wie in Belgien eine Schulpflicht ab 5 Jahren. Finanziert werden die Kindergärten durch nationale Gelder und die lokalen Kassen. Und die Uniformen sind dazu da, Ungleichheiten nicht sichtbar zu machen und Diskrimination vorzubeugen. Die Philosophie in den Dörfern ist: „Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen“. Alle Erwachsenen kümmern sich um alle Kinder.
Das gesamte System der Organisation basiert darauf, sich aus der Bevölkerung heraus zu versorgen und zu unterstützen, da der Staat hier nicht seine Rolle übernimmt.
Die Muttersprache in Haiti ist Kreolisch, eine Sprache die während der Sklavenzeit entstanden ist um sich unverständlich für die Unterdrücker unterhalten und organisieren zu können. Daher sind auch ihre Dokumente und Präsentationen in Kreolisch geschrieben, weil man auch die Sprache als eigentliche Sprache der Haitianerinnen und Haitianer etablieren möchte. Denn oft ist das Französisch noch verpflichtend in Schulen und an Universitäten. Dort muss man sein Kreolisch „draussen lassen“. Vor allem auch in den katholischen Schulen. Daher auch der Einsatz für die kreolische Sprache.
Der Nachmittag bietet die Gelegenheit zum Austausch zwischen Anaëlle Hick vom Grünen Kreis und Islanda. Dabei geht es um den Austausch über Strukturen, Gesetze, junge Landwirtschaft uvm.
Auch die anderen Organisationen PAPDA, SOFA und SAKS werden von Islanda vorgestellt (HIER mehr dazu).
Und sofort finden sich die Parallelen zwischen der Landwirtschaft in Ost-Belgien und in Haiti, um das Land in den Händen der familiären, kleinen Landwirtschaft zu halten, bzw. es zurückzuholen. Ernährungssicherheit über Agroökologie ist in Haiti bei TK ein Grundpfeiler, und das vom Anbau, der Art und Weise des Anbaus und das Wissen über gesunde, bilogische Ernährung. Sie ist eine Art des Widerstandes, denn die Selbstversorgung und der Zugang zur eigenen Nahrung emanzipiert die Gemeinschaften.
„Retourne à la campagne“ – ein Slogan, um die Menschen zurück auf das Land zu holen, die nach Chile, Brasilien, Mexiko, in die Städte aus- und abwandern, um dort dann in der Landwirtschaft zu arbeiten, die aber auch in Haiti dringend gebraucht werden im Kampf um die Souveränität der Menschen. „Haiti ist nicht arm, man hat uns arm gemacht“ sagt Islanda, die damit meint, dass die Natur, das Land einen grossen Reichtum bieten, die Menschen aber vertrieben und weggelockt werden, um dann andere Arbeiten wie Raumpflege, Kinderbetreuung etc. zu übernehmen. Auch eine Form, ein Land, eine Bevölkerung zu verarmen.
TK und andere Organsiationen unterstützen die Menschen darin, ihr Land zu halten und zurückzuholen, sich zu versorgen, kollektiv zu arbeiten. Und das als Gegenpol zu der Realität in Port-au-Prince, mit den Gangs, die von aussen mit Waffen beliefert werden, und die das Bild von Haiti bestimmen. Auch Kopfgelder auf die Köpfe der Gangs werden von der Regierung ausgerufe, mit grossen Belohnungen für die Erfassung, aber gleichzeitig stehen diese Chefs in ständigem Austausch mit den Regierennden. So werden junge Männer in diese bewaffneten Konflikte gelockt, die von aussen ins Land gebracht werden.
Das Interesse liegt in den Bodenschätzen, am Land, Kakao, an der Möglichkeit vom grossen Reichtum des Landes zu profitieren.
Und dabei spielt auch die sogenannte Schuld gegenüber Frankreich eine Rolle, die bis heute Auswirkungen hat auf die Entwicklung im Land. „Der Eifelturm ist mit unserem Geld gebaut worden, mit unserem Blut, durch die Schuld die uns abverlangt wurde.“ Und für die Haitianer ist es auch gar keine Schuld, die sie zurückzahlen müssen, dafür hätten sie im Gegenzug ja erstmal etwas erhalten müssen. Es ist ein unrechtmässiges Lösegeld, dass sich Frankreich durch Kaffe, Kakao und Holz aus Rodungen auszahlen lässt.
Und bis heute möchte das Ausland, auch Frankreich, Einfluss nehmen auf die Bildung von Regierungen. Für das Recht auf eigene Entscheidungen der Bevölkerung, auf Souveränität machen sich unsere Partnerorganisationen stark. Dies auch aus diesem Grund ohne Subsidien des Staates, da der haitianische Staat gegen die Landbevölkerung und die Landwirtschaft arbeitet. Im Unterscheid zum Grünen Kreis und den Landwirt*innen hier in Ost-Belgien, die mit den Regierungen zusammenarbeiten, um ihre Interessen anbringen und durchsetzen zu können. Sie tragen sich durch die Abgaben der angeschlossenen Landwirtschaften, durch das kollektive Weitergeben des Wissens, besipielsweise in der Heilung von Krankheiten, in Techniken des Anbaus und so vieles mehr.
Die Landwirtschaft als Grundlage der Ernährung, der Versorgung – hier sind beide Länder sich nah.
Durch die Schliessung des Flughafens in Port-au-Prince haben sich parallel Dinge entwickelt. Einerseits weiss sich die Bevölkerung auf dem Land zu ernähren und zu unterstützen. Andererseits können natürlich viele Waren nicht mehr exportiert werden, was zu Inflation führt. Ausserdem müssen die Menschen von kleineren Flughäfen in benachbarte Staaten, um dann in weiter entfernte Länder reisen zu können.
Auberginen, Knollen, Reis, Samen, Möhren, Kartoffeln, Porrée werden unter anderem angebaut. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung sind Frauen. Sie haben kleine Landwirtschaften, sie verkaufen auf den Märkten, und vor allem die „madan sara“. Diese Frauen sind ständig unterwegs, so wie kleine Vögel, die den gleichen Namen tragen. Sie verkaufen in den Städten, auf den Strassen, machen weite Wege um ihre Familien zu versorgen. Durch diese Arbeit sind sie die Stütze der ländlichen Bevölkerung. Die Frauen auf dem Land sind sie frei und unabhängig von Männern. Sie müssen früh aufstehen, das Land bearbeiten, das Leben organsisieren, den Haushalt schmeissen. Arbeiten, die ohne sie nicht gemacht würden. Und die notwendig sind, um die Gesellschaft am Laufen zu halten. Auch Islandas Mutter hat ihre vier Kinder alleine gross gezogen, die Uni bezahlt, im Radio gearbeitet, und das ist ganz natürlich in den ländlichen Gebieten. „Für mich ist sie eine Heldin!“.
Im Gegensatz dazu gibt es hier in Ost-Belgien viel mehr Männer in der Landwirtschaft. In Haiti dienst sie auch zur Selbstversorgung, und nicht so wie hier, wo die landwirtschaftlichen Betriebe häufig die Produkte an andere Betriebe zur Verarbeitung liefern. Hier gibt es vor allem Milchwirtschaft, auch aufgrund der Beschaffenheit der Böden, die sich für den Ackerbau nicht so gut eignen erklärt Anaëlle Hick. Ein Unternehmen zur Verabreitung ist beispielsweise Arla, ein grosser däischer Konzern, der international tätig ist. Also gehen die Produkte weniger oft in lokale Kreisläufe ein, was in Haiti die Grundlage ist. Hier gibt es noch den gemeinschaftlichen Aspekt, der in den Gemeinden gelebt wird und wichtig ist. Dadurch ist man auch weniger von internationalen Preisen abhängig.
Der Grüne Kreis ist für die jungen Landwirt*innen zuständig. Sie bieten Weiterbildungen an, koordinieren die Ausbildung zum Betriebsleiter in landwirtschaftlichen Betrieben, helfen dabei die europäischen Vorgaben zu erreichen und Punkte und Subsidien zu erhalten. Auch Besichtigungen anderer Betriebe werden organsieiert, wie in der letzten Wochen in einem riesigen Milchviebetrieb mit über 600 Kühen, wo 60 Kühe gleichzeitig gemolken werden können. Aber auch einen Roboter, der ohne menschliche Hilfe melken kann, wurde angeschaut. Auch das politische Plädoyer wird hier koordiniert, beispielsweise zu den Entscheidungen die auf europäischer Ebene enstehen oder getroffen wurden, mit weniger Subsidien, mehr Regelungen. Der Bauernbund als „Gewerkschaft“ der ostbelgischen Landwirtschaft, ist sehr eng mit der flämischen Gemeinschaft verbunden, dabei spielt er auch die Rolle der Verbindung nach Deutschland und Luxemburg. Ausserdem hat der flämische Bauernbund einen grossen Einfluss, dem man sich oft anschliesst. Und hier kommen wir wieder auf den gemeinsamen Punkt, Land in Händen kleiner Landwirtschaften zu halten und sich gegen sie grossen Konzerne zu behaupten. Und auch die Gesundheit der Böden ist ein grosses Thema in beiden Ländern. Und was wird die Zukunft bereit halten? Mit der Automatisierung des Melkens beispielsweise verändert sich der Beruf. Die Höhe der Investitionen ist sehr hoch. Und auch die Milchpreise machen die Milchwirtschaft kaputt. Ein Kreislauf, der in beiden Ländern zu grossen Problemen führt.
TK nimmt keine Gelder an von Strukturen, die ihrer Philosophie widersprechen, wie der USAid, aus Kanada, der EU, die Auflagen machen, die sie nicht einhalten und befolgen möchten. Auch eine Form des Widerstandes.
Die drei Säulen – Jugend, Frauen, gemischte Gruppen – haben einen besonderen Grund. Jede der Gruppen hat ihre Eigenheiten. Frauen mit ihren Körpern, den Schmerzen, den alltäglichen Herausforderungen der Care-Arbeit, die so einizgartig sind, dass sie von ihnen nach vorne gebracht werden müssen. Die Jugend mit ihrer Sicht auf die Dinge, mit ihren Hoffnungen und Sorgen müssen die Möglichkeit haben, sich genau dafür einsetzen zu können. Und die Gemeinschaft, die es braucht, damit alle an einem Strang ziehen.
Wichtig ist in beiden Organsiationen, dass die Menschen die mit Landwirt*innen arbeiten, sich für sie einsetzen, im Kontakt mit der Politik sind, auch selbst in der Praxis arbeiten. Nicht unbedingt mit einem eigenen Hof, aber mit Beziehungen und regelmässiger Arbeit in dem Bereich.
„Die Zukunft von Haiti, wie siehst du sie?“ fragt Anaëlle zum Schluss. „Schwierig die Menschen bei uns zu halten. Ich habe diese Entscheidung getroffen, und möchte ein Haiti gestalten, das Möglichkeiten bietet. Auch ich habe Familie, die in den USA lebt, weil es dort ein Versprechen auf ein besseres Leben gab. Auch wenn man dort nicht arbeiten kann. Ich setze mich dafür ein, dass wir Land zurückgewinnen, um hier weitere kooperative und gemeinschaftliche Landwirtschaft aufzubauen. Wie können wir Widerstand leisten? In dem wir dieses andere Haiti, neben den Gangs, neben der Unterdrückung zeigen, das so reich ist an Solidarität und Natur. Und dazu gehört, unsere haitiainischen Geschichte bekannt zu machen, die haitianischen Helden bekannt zu machen, die Sprache nach vorne zu bringen.“




