Logo zum internationalen Jahr der Bäuerinnen und Landwirtinnen 2026

Internationales Jahr der Bäuerinnen und Landwirtinnen

Ein gerechter, fairer, nachhaltiger Wandel braucht auch die Frauen.
# Agrarökologie # Frauen # Landwirtinnen # Studien
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Anlässlich des von den Vereinten Nationen ausgerufenen Internationalen Jahres der Bäuerinnen würdigt Entraide et Fraternité/Miteinander Teilen jene Frauen, die eine unverzichtbare Rolle für die Ernährungssouveränität spielen.

Überall auf der Welt, sowohl im Norden als auch im Süden, sind Bäuerinnen nach wie vor mit zahlreichen Ungleichheiten konfrontiert: eingeschränkter Zugang zu Land, Krediten und Ausbildung, Unsichtbarkeit und geringe Anerkennung ihrer Arbeit – sie bewegen sich in einem strukturell ungünstigen Umfeld.

Im Rahmen dieses Themenjahres will Entraide et Fraternité/Miteiandner Teilen ihre Realität, ihren Kampf, ihre Forderungen und ihre Arbeit sichtbar machen. Denn ohne die Einbeziehung der Frauenrechte und die Anerkennung ihrer Arbeit können wir keinen gerechten, nachhaltigen und fairen Agrarwandel erreichen.

Mit einer ersten Analyse bietet Eloïse Tuerlinckx einen umfassenden Überblick über die Zusammenhänge zwischen Frauen und Ernährung und beleuchtet dabei sowohl ihre unverzichtbare Rolle als auch die strukturellen Ungleichheiten, mit denen sie konfrontiert sind.

Seit jeher und überall auf der Welt, im Norden wie im Süden, ernähren Frauen die Welt. Sie sind die Hauptakteurinnen im Bereich der Ernährung, von der landwirtschaftlichen Produktion über die Zubereitung von Mahlzeiten bis hin zur Lebensmittelverarbeitung, der Weitergabe von Wissen und der Erhaltung von Saatgut… Doch in jeder dieser Phasen sind Frauen mit geschlechtsspezifischer Diskriminierung konfrontiert.

Geschlecht ist ein soziales Konstrukt, im Gegensatz zum biologischen Geschlecht, das eine biologische Kategorie ist. Es bezeichnet die Gesamtheit der Rollen, Normen, Erwartungen und Werte, die Gesellschaften den Individuen entsprechend ihrem biologischen Geschlecht zuschreiben. Einige dieser Kategorien genießen in der Gesellschaft ein höheres Ansehen als andere: Männer sind die sozial am stärksten begünstigte Kategorie. Diese Hierarchie spiegelt sich deutlich in den Ernährungssystemen wider.

Sie bauen an, wer erntet?

Weltweit arbeitet mehr als ein Drittel der „erwerbstätigen“ Frauen in den Agrar- und Ernährungssystemen1. In bestimmten Regionen der Welt kann dieser Anteil bis zu 70 % betragen, wie beispielsweise in Südostasien. Frauen machen 43 % der weltweiten landwirtschaftlichen Arbeitskräfte aus2. In vielen Ländern sind mehr Frauen als Männer auf die Landwirtschaft als Lebensgrundlage angewiesen3.

Und doch sind trotz dieser zentralen Rolle die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten eklatant. Zwar bestehen sie in allen Bereichen der Gesellschaft, doch ein Bericht von Oxfam zeigt, dass sie im Agrarsektor im Vergleich zu anderen Berufsfeldern noch verschärft sind4.

Die Rolle der Frauen in diesen landwirtschaftlichen Systemen ist oft marginal. Sie sind in informellen, saisonalen, schlecht bezahlten und daher sehr prekären Beschäftigungsverhältnissen überrepräsentiert. Die landwirtschaftliche Arbeit ist nach wie vor extrem geschlechtsspezifisch geprägt: In den Betrieben sind Frauen eher für den Kleinobst- und Gemüseanbau, die Tierpflege, Verwaltungsaufgaben oder die Verarbeitung der Erzeugnisse zuständig. Männer sind für den Ackerbau, mechanisierte Arbeiten, Reparaturen im Betrieb und strategische Entscheidungen verantwortlich.

Diese Ungleichheiten spiegeln sich auch in den rechtlichen Status wider5. In Belgien besteht seit 2003 der Status der „mitarbeitenden Ehefrau“, der sich seitdem weiterentwickelt hat. Er ermöglicht Frauen6, die in einem Betrieb arbeiten, der rechtlich ihrem Ehepartner gehört, den Zugang zu bestimmten Rechten. Auch wenn dieser Status als Fortschritt angesehen wird, ist er doch bei weitem unzureichend, da er die Frauen weiterhin unsichtbar macht und in wirtschaftlicher Abhängigkeit hält7.

Der Zugang zu Land bleibt eines der größten Hindernisse für die Selbstbestimmung von Landwirtinnen. In vielen Kontexten begünstigen die Erbschaftsregeln – oder die Art und Weise, wie sie angewendet werden – Männer. Frauen stoßen auf mehr Hindernisse bei der Beschaffung von Landwirtschaftskrediten. Weltweit sind nur 15 % der Landbesitzer Frauen, was der Situation in Belgien entspricht8.

Im Allgemeinen verfügen Landwirtinnen über weniger Ressourcen: weniger Kapital, weniger Ausrüstung, begrenzten Zugang zu Fortbildungen, beruflichen Netzwerken und Entscheidungsgremien.

Zu ihren unzähligen Arbeitsstunden in der Landwirtschaft kommt für Frauen oft noch eine Hausarbeit hinzu, die nach wie vor größtenteils auf ihren Schultern lastet. In vielen Familienbetrieben ist die Grenze zwischen landwirtschaftlicher Arbeit und Hausarbeit sehr verschwommen, was dazu führt, dass ihre Arbeit und ihr tatsächlicher Beitrag noch unsichtbarer werden.

Produktive und reproduktive Arbeit
Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Arten von Aufgaben wird von bestimmten feministischen Strömungen genutzt, um Arbeit als Faktor für die Entstehung von Ungleichheiten, aber auch als Lösung für deren Bekämpfung hervorzuheben9. Produktive Arbeit ist diejenige, die wirtschaftlich wertgeschätzt, d. h. vergütet wird. Reproduktive Arbeit hingegen wird oft als „natürlich“ angesehen: Kochen, Pflegen, Erziehen, Putzen… Diese reproduktive Arbeit wird überwiegend von Frauen geleistet, und zwar ohne Bezahlung. Allzu oft wird in unserem Sprachgebrauch zudem nur die erste als „Arbeit“ betrachtet. Doch die erste kann ohne die zweite nicht existieren10.

Landwirtinnen sehen sich zahlreichen Stereotypen gegenüber: Frauen seien technisch weniger kompetent, weniger geeignet, einen Betrieb zu leiten oder Maschinen zu bedienen. Diese Vorurteile beeinflussen die Praktiken, die Agrarpolitik und den Zugang zu Ressourcen11.

Schließlich ist landwirtschaftliche Ausrüstung auf einen männlichen Körperbau ausgelegt. Die notwendigen Anpassungen, um diese für Frauen zugänglich und leichter handhabbar zu machen, sind oft einfach umzusetzen, werden von den Firmen jedoch kaum vorgenommen, was zeigt, dass Landwirtinnen bei der Konzeption der Geräte selbst nicht berücksichtigt werden.

Ernährung: Die anderen zuerst

Neben ihrer großen Verantwortung in der Subsistenzlandwirtschaft spielen Frauen eine zentrale Rolle bei der Ernährung der Haushalte. Diese Aufgabe umfasst mehr als nur die Zubereitung einer Mahlzeit: Sie erfordert die Beschaffung von Lebensmitteln, die Kenntnis der Vorlieben und Ernährungsgewohnheiten der Haushaltsmitglieder sowie die Sorge um deren Gesundheit durch eine ausgewogene Ernährung12.

Paradoxerweise sind Frauen, obwohl sie am aktivsten an der Produktion und Zubereitung von Mahlzeiten beteiligt sind, oft am schlechtesten ernährt, sowohl im Norden als auch im Süden. Bei Krisen, die die Ernährungssicherheit beeinträchtigen – klimatische Ereignisse, bewaffnete Konflikte, Wirtschaftskrisen usw. – sind Frauen überproportional betroffen.

In vielen Kontexten essen Frauen und Mädchen weniger Mahlzeiten als Männer, und ihre Mahlzeiten sind weniger abwechslungsreich und proteinärmer. Mehrere Faktoren erklären diese Situation. Einerseits geben bestimmte kulturelle Normen Männern Vorrang, wenn die Nahrungsmittel knapp sind. Bestimmte Fleischsorten können Frauen zudem verboten sein. Zum anderen haben Frauen einen eingeschränkteren Zugang zu bezahlter Arbeit, was ihre prekäre Lage und ihre wirtschaftliche Abhängigkeit verstärkt. Schließlich sind Frauen aufgrund ihrer sozialen Stellung in Krisenzeiten stärker gefährdet und betroffen und leiden daher stärker unter den Folgen.

Der Teller der Frauen unter Druck

Zwei US-amerikanische Forscherinnen heben zudem weitere Phänomene hervor: Erstens neigen Frauen dazu, die Bedürfnisse anderer über ihre eigenen zu stellen. Zweitens leiden insbesondere in den Industrieländern viele Frauen unter einem komplizierten Verhältnis zum Essen und kontrollieren ständig ihr Gewicht, ihre Ernährung und ihr Aussehen. Die Forderungen nach einem „gesunden“ Leben und einem idealen Körper sind überall um uns herum zu finden und richten sich hauptsächlich an Frauen. Sie werden von den Medien vermittelt, aber auch vom Umfeld verstärkt. Diese ständigen Forderungen führen regelmäßig zu mehr oder weniger schweren Essstörungen13.

Ernährung ist auch ein Indikator für soziale Identität, Kultur und Geschlechtsidentität. So gilt der Verzehr von rotem Fleisch eher als männlich, während leichte Gerichte wie Salate eher als weiblich angesehen werden. Gleiches gilt für alkoholische Getränke: Während Bier oder Whisky eher als männlich wahrgenommen werden, werden Weißwein oder Cocktails Frauen zugeschrieben. Diese Normen beeinflussen die Ernährungsgewohnheiten und tragen in manchen Fällen zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Ungleichheiten bei.

Agrarökologie – ein Weg zu mehr Gleichberechtigung?

Mehr als nur eine Reihe umweltfreundlicher landwirtschaftlicher Praktiken, bietet die Agrarökologie eine umfassende Transformation der Ernährungssysteme an, die soziale, wirtschaftliche und politische Dimensionen einbezieht. Die Agrarökologie könnte patriarchale Strukturen korrigieren und gleichberechtigtere Rollen für Männer und Frauen in den Ernährungssystemen vorschlagen. Denn das Besondere an der Agrarökologie ist, dass sie eine Form der nachhaltigen Landwirtschaft darstellt und gleichzeitig darauf abzielt, ein anderes wirtschaftliches und soziales Modell anzubieten. Die Geschlechterfrage ist somit ein integraler Bestandteil der Landwirtschaft.

Durch die Wertschätzung von lokalem Wissen, Zusammenarbeit, Autonomie und Vielfalt stellt die Agrarökologie die vorherrschenden produktivistischen und patriarchalen Denkweisen in Frage. Sie schafft Raum, um die Rollen von Frauen und Männern in der Landwirtschaft neu zu überdenken, die Autonomie von Landwirtinnen zu stärken und gleichberechtigtere Beziehungen zu fördern.

Die Geschlechterfrage ist daher nicht nebensächlich, sondern von zentraler Bedeutung für den Übergang zu nachhaltigen und gerechten Ernährungssystemen. Frauen sind übrigens in nachhaltigen Landwirtschaftsprojekten stärker vertreten: In der Wallonie bewirtschaften Frauen 12 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Betrachtet man nur die Fläche des ökologischen Landbaus, steigt dieser Anteil auf 22 %14.

Landwirtinnen ins Rampenlicht zu rücken bedeutet anzuerkennen, dass die Gleichstellung der Geschlechter eine unverzichtbare Voraussetzung ist, um das Recht auf Nahrung für alle zu gewährleisten. In Belgien wie auch anderswo ist es unerlässlich, eine explizit geschlechtergerechte Agrarpolitik zu etablieren, die in der Lage ist, bestehende Ungleichheiten zu beseitigen: Zugang zu Land, Anerkennung der Arbeit von Landwirtinnen, soziale Absicherung, Mitwirkung in Entscheidungsgremien.

Agroecology in Action – eine Bewegung, die mehr als 40 im agrarökologischen Wandel aktive Vereinigungen vereint und der Entraide & Fraternité angehört – formuliert zu diesem Thema fünf konkrete Vorschläge für den wallonischen Gender-Plan 2025–202915:

  1. Erhebung von geschlechtsspezifischen Daten in der Landwirtschaft,
  2. Vernetzung von Landwirtinnen,
  3. Bekämpfung von Stereotypen,
  4. Aufklärung von Landwirtinnen über die verschiedenen Rechtsformen und
  5. Erleichterung des Zugangs zu technischen Ausbildungen.

Die Ernährungssysteme stehen vor zahlreichen strukturellen Herausforderungen, die sich in den kommenden Jahren noch verschärfen werden. Um diese gemeinsam bewältigen zu können, ist es unerlässlich, bereits heute die Rolle der Landwirtinnen voll und ganz anzuerkennen und ihnen die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Mittel zum Handeln zu garantieren.

Weitere Studien zu diesem Thema gibt es in französischer Sprache auf der Seite unserer Schwesterorganisation Entraide & Fraternité.

  1. La situation de femmes dans les systèmes agroalimentaires, chap. 2 : Genre et travail dans les systèmes agroalimentaires, FAO, Rome, 2023. Lien raccourci : openknowledge.fao.org ↩︎
  2. Genre et agriculture | Oxfam Belgique. Lien raccourci : oxfambelgique.be ↩︎
  3. La situation de femmes dans les systèmes agroalimentaires, Ib. ↩︎
  4. Agriculture : les inégalités de genre criantes, qui freinent l’adaptation au changement climatique – Oxfam France, communiqué de presse, 1er mars 2023. Lien raccourci : oxfamfrance.org ↩︎
  5. Lire à ce sujet « Le genre du capital » – Enquêter sur les inégalités dans la famille. Céline Bessière, Sibylle Golliac, Jeanne Puchol. ↩︎
  6. Le statut de conjoint·e aidant·e n’est pas réservée aux femmes, mais dans les faits, elles représentent quasiment 80% des bénéficiaires de ce statut. ↩︎
  7. Conjointes-aidantes en agriculture… Le statut de la Liberté ? Analyse – Action Vivre Ensemble ↩︎
  8. Agriculture : les inégalités de genre criantes, qui freinent l’adaptation au changement climatique – Oxfam France, communiqué de presse, 1er mars 2023. Lien raccourci : oxfamfrance.org ↩︎
  9. Cukier, A. (2016). De la centralité politique du travail : les apports du féminisme matérialiste. Cahiers du Genre, S4, 151-173 ↩︎
  10. Gandon, A.-L. (2009). L’écoféminisme : une pensée féministe de la nature et de la société. Recherches féministes, 22(1), 5–25 ↩︎
  11. Ces stéréotypes sont illustrés dans la BD « Il est où le patron ? », de Maud Bénézit & les Paysannes en polaire. ↩︎
  12. Allen, P. & Sachs, C. (2007). Women and Food Chains: The Gendered Politics of Food. International Journal of Sociology of Agriculture & Food, 15(1), 1-23. ↩︎
  13. Idem ↩︎
  14. Genre et agriculture | Oxfam Belgique. Lien raccourci : oxfambelgique.be ↩︎
  15. « Comment améliorer les conditions des agricultrices, Nos recommandations pour la stratégie Genre et droits des femmes 2025-2029, Position paper, Agroecology in Action, septembre 2025. agroecologyinaction.be ↩︎