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In Brasilien müssen Dank der Bauernbewegungen Millionen von Männern und Frauen nicht länger Hunger leiden. Aufgrund ihres Wissens, ihrer Erfahrungen, Erfolge und auch Fehlschläge vermitteln diese Bewegungen uns sehr konkret, wie sich die Lebensbedingungen ändern lassen.
Wer sind diese Bauernbewegungen, die sich mit dem Hungerproblem auseinander setzen?
Worauf gründet sich ihr Engagement?

Es ist unsere Kollegin Carmelina Corracillo, verantwortlich für den Bereich „gesellschaftspolitische Bildung“ bei Miteinander Teilen in Brüssel, die auf diese Fragen Rede und Antwort steht.


Frage: Woraus besteht die Arbeit der Bauernbewegungen in Brasilien?

Carmelina Corracillo: Bisher war es die industrielle Landwirtschaft, die privilegiert wurde und dies zum Nachteil des Kleinbauerntums. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft galt im Allgemeinen als überholt und wenig ertragreich.
Den Bauernbewegungen ist es zu verdanken, dass diese angeblich wissenschaftliche Behauptung heute angezweifelt wird; sie liefert Zahlenmaterial, Analysen und Fakten, die das Gegenteil beweisen. Die Bauernbewegungen weisen beispielsweise darauf hin, dass die auf Export zugeschnittene brasilianische Landwirtschaft sich als teurer erweist, wenn man soziale, wirtschaftliche und ökologische Kriterien berücksichtigt.

Und um das Hungerproblem langfristig zu lösen, ist die kleinbäuerliche Landwirtschaft eine glaubhafte und realistische Lösung.


Wie bekämpfen die Landbewegungen das Hungerproblem?

C.C.: Der internationalen Bauernbewegung Via Campesina (übersetzt: der bäuerliche Weg) ist das einheitliche und einigende Konzept der Ernährungssouveränität zu verdanken. Dieses Konzept betrachtet das Hungerproblem nicht isoliert, sondern bringt es in Verbindung mit den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Voraussetzungen, unter denen Menschen leben (somit einheitlich). Dies bedeutet eine erste kulturelle Revolution an sich, denn der Ausgangspunkt bei dieser Betrachtungsweise sind die Mechanismen, die Hunger fördern – und nicht nur eine schnelle Lösung der Ernährungssicherheitsfrage. Weil das Hungerproblem nach dieser Sichtweise beurteilt wird, waren eine Reihe verschiedener Bürgervereinigungen, die das auch so sehen, bereit sich zusammen zu schließen (somit einigend).

Doch reicht dieser Zusammenschluss um der andern Seite, nämlich der Deregulierung der Märkte, etwas entgegen zu setzen? Diese Frage stellen sich die brasilianischen Kleinbauernbewegungen. Denn, obwohl die brasilianische Regierung die kleinbäuerliche Landwirtschaft mit zahlreichen Maßnahmen fördert, unterstützt sie weiterhin die industrielle Landwirtschaft und den Freihandel. Die offiziellen Zahlen der entsprechenden Ministerien belegen, dass das für die Finanzierung der industriellen Landwirtschaft zuständige Ministerium mehr als dreimal so viele Mittel erhält, wie das Ministerium für kleinbäuerliche Landwirtschaft. Brasilien, als traditioneller Produzent von Bohnen, importierte 2013 für 200 Millionen Dollar schwarze Bohnen aus China!

Was die brasilianischen Kleinbauern feststellen und beklagen, ist dass die beiden Arten von Landwirtschaft nicht auf gleiche und harmonische Weise nebeneinander bestehen. Immer wieder gibt es Konfrontationen. Um ihre Vorgehensweise angesichts dieser Situation besser zu definieren, bemühen sich die Bauernbewegungen auf Basis ihrer positiven Erfahrungen u.a. im Bereich Agro-Ökologie1, ihre theoretischen Ansätze zu verbessern.


Können sie denn ein wirksames und glaubwürdiges Gegengewicht bilden?

C.C.: Wir dürfen nicht vergessen, dass genau die Bewegungen, Vereinigungen oder Gewerkschaften, zu denen sich die Kleinbauern zusammen schließen, diejenigen sind die wissen, worum es sich handelt wenn die Ernährungssouveränität behindert wird, und dass sie es sind, die am eigenen Leib erfahren, wie sich diese Behinderungen auswirken. Somit wissen sie also aus erster Hand, was auf dem Spiel steht.

Sie sind es, die uns konkret vorführen, wie die Dinge verändert werden können. Lassen Sie mich einige Beispiele nennen:
auf den Philippinen legten Kleinbauern bei Gericht Berufung ein gegen eine verfassungswidrige Veräußerung von riesigen Anbauflächen,
in Guatemala übten sie Druck auf politische Entscheidungsträger aus, um eine gerechte Landreform einzufordern und in Brasilien setzten sie sich dafür ein, dass eine Landreform in die Verfassung übernommen wird.
Immer wieder zeigen uns die Kleinbauern: der Kampf um Land, ist ein Kampf gegen den Hunger und dieser muss ständig gegen die Gier der Großunternehmen fortgesetzt werden.


Wofür mobilisieren sich diese Menschen?

C.C.: Halten wir zuerst einmal fest: unter dem Begriff „Bewegungen“ verstehen wir sehr unterschiedliche Gruppierungen: Bewegungen, Genossenschaften, Gewerkschaften, Vereinigungen, Nichtregierungsorganisationen usw. Sie alle sind unterschiedlich entstanden und haben sich unterschiedlich weiter entwickelt, je nach geschichtlichem und politischem Umfeld. Auch die Welt der Landwirtschaft ist nicht einheitlich. Es gibt: die Landwirte, Viehzüchter, Kleinbauern, Lohnarbeiter, Tagelöhner, Landbesitzer, Besitzer gemeinsamer Parzellen, Frauen wie Männer. Doch eine Reihe von Interessen sind allen gemeinsam.

Meistens versuchen sie, eine politische Vertretung zu erreichen, um an Entscheidungen beteiligt zu werden, die sie selber betreffen. Ziel dabei ist es, dass die kleinbäuerliche Landwirtschaft als Verteidigerin des Rechts auf Nahrung und der Naturressourcen anerkannt wird. Manche der Gruppierungen sind stark genug, Druck auf Entscheidungsträger auszuüben. In Brasilien haben Bauernbewegungen es geschafft, an politischen Diskussionen und Verhandlungen beteiligt zu werden, wenn es darum geht, eine Politik zu Gunsten der kleinbäuerlichen Landwirtschaft auszuarbeiten.


Welche ist die größte Herausforderung in Brasilien?

C.C.: Zunächst geht es darum, die kleinbäuerliche Landwirtschaft als Strategie der Ernährungssouveränität fortzusetzen.
Weiter ist es wichtig, eine einheitliche Identität der verschiedenen Gruppen zu gewährleisten die Gruppen zusammenzuschweißen und zu gemeinsamem Handeln zu motivieren. Es ist nicht immer einfach, den Wert dieser Form der Landwirtschaft deutlich zu machen, ihn zu vermitteln. Die Jugend verhält sich da eher zögerlich und dieses geringe Interesse der Jugend für Landwirtschaft allgemein ist eine besondere Herausforderung für die meisten Gruppen.

Ich muss auch sagen, dass das kollektive Vorgehen der Bauernvereinigungen einen schweren Stand hat, wenn es individuellen Strategien des Überlebens im Wege zu stehen scheint. Da lassen sich die Unternehmen einiges einfallen, um durch Klientelismus oder ähnliche Verführungen die Leute an sich zu binden.
Dem gegenüber setzen die Bauernbewegungen mit ihren Forderungen auf Zeit. Trotz der Nähe zu den Regierungskreisen, halten sie den politischen Druck aufrecht, indem sie Märsche, Besetzungen, Sit-Ins, Kundgebungen etc veranstalten.